Sozialismus von unten
Magazin für antikapitalistische
Debatte & Kritik

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Nr. 6, Frühjahr 2001

[Inhaltsverzeichnis SVU Nr.6]


Brand/Brunnengräber/Schrader/Stock/Wahl: Global Governance. Alternative zur neoliberalen Globalisierung?, Münster, Verlag Westfälisches Dampfboot 2000, 204 S., 29,80 DM

Zivilgesellschaft oder Gegenmacht?

Der Global-Governance-Ansatz knüpft an sozialdemokratische Ideen aus den 70er Jahren an und setzt auf ein kooperatives Handeln nicht nur der Staaten, sondern aller relevanten Akteure im internationalen Maßstab. Mit dem Begriff der "globalen Strukturpolitik" greift die rot-grüne Regierung rhetorisch Teile diese Ansatzes heute wieder auf. Auch in vielen bestehenden Gruppen, die durch Seattle eine neue Dynamik und eine neue Perspektive gewonnen haben, ist der Ansatz als theoretische Tradition verbreitet und besitzt vor allem wegen seines positiven Bezugs zu Netzwerkstrukturen noch immer eine große Anziehungskraft.

Die Vertreter des Global-Governance-Ansatzes stellen sich gegen neoliberale Konzepte ebenso wie gegen ein hegemoniale "Neue Weltordnung" (US-Präsident Bush 1992). Ausgehend von einem relativen Machtverlust des Nationalstaates in der Globalisierung sollen nicht-staatliche Akteure  die "Zivilgesellschaft", also z. B. entwicklungspolitische Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Verbraucherzusammenschlüsse, Gewerkschaften, aber auch Unternehmerverbände  in Zusammenarbeit mit den Staaten die Regeln für die globalen wirtschaftlichen und politischen Beziehungen aushandeln.

Die Autoren des Bandes sehen im Global-Governance-Ansatz eine zu begrüßende Gegenbewegung zum neoliberalen Globalisierungskonzept, aber keine erfolgversprechende Alternative. Sie kritisieren zurecht seine "machtpolitische Blindstelle" und sein "harmonisierendes Weltbild". Die von den Vertretern des Global-Governance-Ansatzes als Möglichkeiten umfassender Beteiligung der Menschen an politischen Prozessen gepriesenen Netzwerke führten oft zu einer Verwischung, aber nicht zur Aufhebung gesellschaftlicher Machtverhältnisse und erschweren die demokratische Kontrolle von Entscheidungen.

Den Autoren zufolge kann es deshalb nicht allein darum gehen, innerhalb der bestehenden Institutionen Einfluß zu gewinnen und auf neue Verhandlungsstrukturen zu setzen. Ihr Konzept ist der Aufbau von "Gegenmacht und emanzipativer Praxis". In ihrer These, daß soziale Bewegungen, ein Teil der Nichtregierungsorganisationen und die Gewerkschaften Träger dieser Gegenmacht sein können, greifen die Autoren den Impuls der großen Demonstrationen gegen die WTO-Konferenz in Seattle Ende 1999 auf, der genau diese Akteure im Widerstand gegen die globalen Wirtschaftsinstitutionen vereinte.

"Die Dinge liegen komplizierter, als daß mal eben so Modelle zur Gesellschaftsveränderung entworfen werden können", schreiben die Autoren. Tatsächlich kreuzen sich in dem Buch verschiedene theoretische Positionen, und zu dem als theoretische Anleitung der Beiträge von den Autoren vorgestellten regulationstheoretischen Ansatz mischen sich in den einzelnen Teilen traditionelle marxistische Positionen. So wird an einer Stelle der Staat als "soziales Verhältnis und als Terrain sozialer Konflikte" (S. 142) beschrieben, an anderer Stelle ist der Staat in "seinen Grundstrukturen [...] Ausdruck der Hegemonie der ökonomisch dominanten Kapitalinteressen" und insofern "parteiisch" (S. 159f.).

Diese Stellen sollte der Leser aber nicht in erster Linie als Schwäche des Buches begreifen, sondern als Einstieg für eine weitergehende Debatte um die richtige Analyse und Perspektive. Sie ändern nichts daran, daß das Buch eine ausgezeichnete Grundlage bietet, um in den Zusammenhängen der sich entwickelnden antikapitalistischen Bewegung über die richtige Perspektive im Kampf gegen die neoliberale Globalisierung zu diskutieren.

Christian Schröder




Sozialismus von unten, Nr. 6, Frühjahr 2001