Sozialismus von unten
Magazin für antikapitalistische
Debatte & Kritik

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Nr. 6, Frühjahr 2001

[Inhaltsverzeichnis SVU Nr.6]


Hinter der Fassade

Winnie Kauderer betrachtet die Geschichte der Schwulenbewegung und geht der Frage nach, ob die Unterdrückung schwuler Sexualität der Verganheit angehört.

Christopher Street Day 2001

BERLIN
Berlin stellt sich que(e)r gegen rechts! 23. Juni

Frankfurt/Main
20.-22. Juli

Hamburg
8.-10. Juni

München
12.-15. Juli

Bielefeld
16. Juni

Friedrichshafen
30. Juni


Bisexuelle, Intersexuelle, Lesben, Schwule, Transgender-Personen und Transsexuelle fordern:

[...] klare Abgrenzung und Stellungnahme gegen rechts von allen PolitikerInnen, [...]

die Wiedergutmachung an lesbisch-schwulen NS-Opfern und den Opfern des  175, die Anerkennung von Verfolgung wegen sexueller Orientierung als Asylgrund eine queere Lebenskultur, statt deutscher Leitkultur [...]

Wir wollen die volle Gleichberechtigung aller Lebensgemeinschaften ohne Diskriminierung Alleinlebender [...]

keine Diskriminierung, Ausgrenzung oder Ausbeutung von Minderheiten innerhalb der Szene, wie MigrantInnen, andersfähige Menschen und allen, die nicht den Klischeebildern von lesbisch oder schwul entsprechen

Aus dem Forderungskatalog des Berliner CSD

"Als ich von dem Motto des Berliner CSDs "Berlin stellt sich que(e)r gegen Rechts" gehört habe, habe ich mich gewundert. Sonst ist der CSD immer sehr von Kommerz geprägt. Deswegen lehnen ihn auch viele linke Lesben und Schwule ab. Ich denke, daß die antikapitalistische Stimmung, die Castorblockaden und die vielen Proteste diejenigen politisieren, die damit in Kontakt kommen. Man sollte die Chance nutzen, viele Leute mit dieser Demonstration zu erreichen."

Katja Viereck, Aktivistin bei der Gruppe Queer gegen Rechts

Vor 130 Jahren wurden Schwule in Deutschland kriminalisiert. Heute ist Homosexualität nicht mehr rechtlich verboten. Akzeptiert ist sie jedoch noch lange nicht. Angesichts immer größerer CSD-Paraden und einer stärkeren Präsenz von Homosexuellen in der Öffentlichkeit, sollte auch die Linke endlich wieder erkennen, daß diese Kämpfe die Kämpfe von uns allen sind.

1871 wurde dem Reichsstrafgesetzbuch der sogenannte "Anti-Homosexuellen-Paragraph" ( 175) hinzugefügt, der "unnatürlichen Sex" zwischen Personen männlichen Geschlechts oder mit Tieren mit Gefängnis bestrafte. Es wurde sogar möglich, Schwulen durch die Anwendung dieses Paragraphen die Bürgerrechte zu entziehen.

Ende der 1890er Jahre begann sich in Deutschland eine erste Schwulenbewegung zu formieren. 1897 gründete Magnus Hirschfeld gemeinsam mit Eduard Oberg, Max Spohr und Franz Jasof von Bülow das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee", welches in seiner Gründungserklärung schrieb, daß "auf Grund sichergestellter Forschungsergebnisse und der Selbsterfahrung vieler Tausender endlich Klarheit" darüber bestehe, "daß es sich bei der Liebe zu Personen des gleichen Geschlechts, der sogenannten Homosexualität, um kein Laster und kein Verbrechen, sondern um eine von der Natur tief in einer Anzahl von Menschen wurzelnden Gefühlsrichtung handelt". Besonders in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts kam, forciert u.a. durch Magnus Hirschfeld und Sigmund Freud, eine verstärkte Diskussion über die Rolle der Sexualität auf.

Stonewall

Mit der Machtübernahme der Nazis im Jahr 1933 wurde diese fortschrittliche Diskussion jäh beendet. Ca. 15.000 Schwule und andere als "sexuelle abartig" abgestempelte Menschen starben in Konzentrationslagern. Außerdem wurde der 175 weiter verschärft und blieb anschließend in der BRD bestehen!

Eine erneute Diskussion über Sexualität kam 1948 in den USA auf, als der Zoologe Alfred C. Kinsey sein Buch "Das sexuelle Verhalten des Mannes" veröffentlicht. Der Kinsey-Report kam u.a. zu dem Ergebnis, daß ein großer Teil der us-amerikanischen Männer durchaus Erfahrungen mit gleichgeschlechtlicher Sexualität hatte. Nach der Veröffentlichung des Reports ging ein Aufschrei nicht nur durch Amerika, doch änderte sich an der Unterdrückung der Homo-, Bi- und Transsexuellen nicht besonders viel.

1969 war es in New York City verboten, homosexuelle Bars oder Clubs zu betreiben - was im Übrigen auch heute noch in einigen Teilen der USA der Fall ist. Doch trotz aller Verbote existierten diese Bars. Die Polizei führte mehr oder weniger regelmäßig Razzien durch, nahm die "auffälligsten" Gäste (häufig afroamerikanischen Drag-Queens) mit und verlangte von den Besitzern eine Strafzahlung, ließ das Geschäft am nächsten Abend jedoch wie gewöhnlich weiter laufen. In der Nacht vom 27. auf den 28. Juni 1969 war es mal wieder so weit. Nachdem während einer Razzia in der Christopher Street / Greenwich Village die Stonewall Inn Bar geräumt worden war, entschlossen sich viele der Gäste vor dem Stonewall Inn stehen zu bleiben, während die Drag Queens wie üblich verhaftet wurden. Diese hatten sich bereits früher gegenüber besonders harten Diskriminierungen gewehrt, konnten jedoch nicht auf die Unterstützung der übrigen Gäste hoffen. In dieser Nacht blickten die Lesben und Schwulen zum ersten Mal hinter die Fassade von Lippenstift und High Heels, achteten zum ersten Mal nicht auf die Hautfarbe und erkannten, daß diese Unterdrückung alle bedroht.

Stonewall war kein rein schwullesbisches Ereignis. Mit die ersten Steine flogen aus den Reihen von Anwohnern des Greenwich Village. Sie waren zum größten Teil jung, links und motiviert durch die Erfolge der antikapitalistischen Bewegung von 1968. Spontan solidarisierten sie sich mit dem Aufstand. Nach und nach sammelten sich ca. 400 Menschen, die versuchten, die Verhaftungen zu verhindern. Die Polizei und auch die Barbesitzer verrammelten sich innerhalb des Stonewall Inn. Die Menge versuchte, die Bar anzuzünden, als Verstärkung der Polizei kam. Die Kämpfe zogen sich über die ganze Nacht und die gesamte folgende Woche hin. In der darauffolgenden Zeit entstanden viele schwullesbische Organisationen und im Gedenken an den Aufstand in der Christopher Street Protestmärsche auf der ganzen Welt.

Alles Yuppies?

Im gleichen Jahr wurde in Deutschland der 175 gelockert, d.h. die Schutzaltersgrenze wurde auf 21 Jahre herabgesetzt. Jedoch wurde dieser diskriminierende Paragraph nach einer weiteren Lockerung im Jahr 1973 erst am 10.3.1994 (!!) endgültig abgeschafft.

Heute, mehr als 30 Jahre nach dem Aufstand in der Christopher Street, scheint, will man den Medien glauben, die Unterdrückung von Homosexuellen der Vergangenheit anzugehören. So schrieb Jonathan Rauch 1997 in einer amerikanischen Zeitschrift: "Das politische Standardmodell betrachtet Homosexuelle als eine unterdrückte Minderheit, die mit politischen Aktionen für ihre Befreiung kämpfen muß. Aber die Nützlichkeit dieses Modells hat sich nahezu erschöpft. Es hat nichts mehr mit den Interessen der normalen Homosexuellen zu tun, wir sollten uns von ihm lösen, es sogar fallen lassen [...] Homosexuelle, die darauf bestehen, daß sie unterdrückt werden, werden in verstärktem Maße, und nicht immer ungerechterweise, als Yuppie Gewinner enden, als Opfer mit einem Einkommen von 50.000 $ und Ferien in Europa. Sie werden sich vielleicht unterdrückt fühlen, aber sie werden es immer schwerer haben, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen".

Doch sieht die Realität von Schwulen und Lesben, auch in den Staaten, in denen es in den letzten 30 Jahren Fortschritte gab, völlig anders aus: Von den 202 Staaten, die es 1998 auf der Welt gab, hatten gerade einmal sechs ein Gesetz, daß Schwule und Lesben vor Diskriminierung schützen soll. Schwul zu sein ist illegal in 74 Staaten. Homosexuell zu sein bedeutet z.B. in Kuba, daß man über kurz oder lang im Gefängnis landen wird. In Bangladesh und Bahrain existiert Homosexualität offiziell nicht. In Pakistan ist homosexuelles Verhalten illegal und kann mit Gefängnis von zwei Jahren bis lebenslänglich bestraft werden. In den USA gibt es zwar in sieben Bundesstaaten staatlichen Schutz gegen Diskriminierungen, in sechs anderen Staaten jedoch gilt oraler oder analer Sex zwischen Menschen gleichen Geschlechts als Verbrechen. Nahezu überall auf der Welt finden sich diskriminierende Paragraphen.

Pink Economy

Auch - und gerade von einigen homosexuellen - Theoretikern wird häufig argumentiert, daß, wenn schon nicht in der "gewöhnlichen" Gesellschaft, so denn doch in der homosexuellen Szene ein offenes Ausleben der Sexualität möglich sei. Ohne Frage muß hier seltener mit Angriffen gerechnet werden, die eigene Sexualität gilt nicht, wie sonst noch immer viel zu häufig als "anormal". Doch ist auch die pink community ist nicht frei von Diskriminierungen. Schwule und Lesben bewegen sich häufig in einem unterschiedlichen Umfeld. Für einige Homosexuelle ist Bi- oder Transsexualität nicht akzeptabel, usw. Trotz aller Fortschrittlichkeit der Szene zeigt die sogenannte "pink economy" - von der uns zahllose homosexuelle Theoretiker immer wieder erzählen, daß sie die community zusammenhalte - die Widersprüche, die auch innerhalb dieses "Gemeinschaft" bestehen sehr deutlich. Häufig wird das Bild von dem reichen Schwulen oder der wohlhabenden Lesbe gezeichnet. Nur selten jedoch stimmt dieses Bild. Innerhalb der pink economy haben es einige homosexuelle Unternehmer geschafft, aus der community und dem in ihr häufig herrschenden Lifestyle Profit zu schlagen. Diese Unternehmer haben fortschrittlichere Ideen, was sexuelle Freiheit angeht, sind im Geschäftsleben jedoch genau wie heterosexuelle Unternehmer von neoliberalen Vorstellungen geprägt. Es ist völlig offensichtlich, daß nicht alle Homosexuellen im gleichen Maße unterdrückt werden. So hast man es leichter, die eigene Sexualität offen zu leben, wenn man sich den Lifestyle der community leisten kannst. Gleichzeitig wird der Gedanke der pink economy auch von konservativen Kreisen gerne aufgenommen. Wenn Homosexuelle reicher sind als der Durchschnitts-Hetero - wo bleibt dann die Unterdrückung?

"Fundamentaler Unterschied"

Homophobe Hetze wie die von Scharping gegen Schwule in Führungspositionen der Bundeswehr oder unvermeidlich wiederkehrende Ausfälle von Politikern der CDU/CSU, wurden leichter möglich durch einen Rückzug der Linken aus der homosexuellen Politik. Für die Linke ist es eine absolute Notwendigkeit, die Ursachen für die Unterdrückung Homosexueller zu erkennen. Sozialisten sehen Unterdrückung als im Kapitalismus verwurzelt an. Durch sie wird die Arbeiterklasse gespalten in Schwarz und Weiß, Frau und Mann, Homo und Hetero usw., nicht mehr in Kapitalisten und Arbeiter. Die Unterdrückung von Homosexuellen hat aber noch einen weiteren Grund: Die Rolle der Familie im Kapitalismus. Ziemlich zeitgleich mit der Entstehung der kapitalistischen Kleinfamilie entstand in vielen Ländern die Kriminalisierung von Homosexuellen. 1998 erklärte der rechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Norbert Geis im Zuge der Debatte um die "Eingetragene Lebenspartnerschaft": "Die Absicht, homosexuelle Partner Eheleuten gleichzustellen, zeigt ein völlig abwegiges Verständnis des Gleichheitsgedankens. Art. 6 GG schützt Ehe und Familie, weil sie die kleinste gesellschaftliche Einheiten darstellen, aus der sich Volk und Gesellschaft regenerieren und in der der Mensch seine sozialen Fähigkeiten erlernt und ausbaut. Eben dies macht den fundamentalen Unterschied zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aus". Geiß beschreibt die Rolle der Familie im Kapitalismus recht gut: Es geht um die Reproduktion der Arbeitskraft sowohl der arbeitenden Teile der Bevölkerung als auch um die Heranziehung neuer Arbeitskräfte. Homosexualität sprengt das Ideal der Familie. Sinn und Zweck der gleichgeschlechtlichen Sexualität ist ganz eindeutig nicht, Kinder zu zeugen. Doch auch Adoptionen durch Homosexuelle sind nur in Sonderfällen möglich. Ein schwules oder lesbisches Paar entspricht selten bis nie den "Idealvorstellungen" von Eltern. Das bedeutet, daß mit der Homophobie dieser Gesellschaft auch die Struktur der Familie bekämpft und letztendlich geändert werden muß.

Ein Kampf für die sexuelle Befreiung von Homo-, Bi- und Transsexuellen muß folglich verbunden werden mit einem Kampf gegen den Kapitalismus. Mit der Aufsteigen einer antikapitalistischen Bewegung ist auch ein Anstieg der Kämpfe von Homosexuellen zu beobachten. Bestes Beispiel ist der World Pride March letztes Jahr in Rom. Aufgabe von Sozialisten ist es, diese Kämpfe mitzukämpfen und mit anderen Bewegungen zu vernetzen und nicht mehr kommentierend neben dieser Bewegung zu stehen.




Sozialismus von unten, Nr. 6, Frühjahr 2001